Die richtige Stahlsorte entscheidet über Tragfähigkeit, Lebensdauer und Wirtschaftlichkeit eines Bauteils. Wer die wichtigsten stahlgruppen, ihre normen und die systematische kennzeichnung versteht, spart Zeit bei der Auswahl und vermeidet teure Fehler. Dieser Artikel liefert eine kompakte übersicht über alle relevanten Stahlarten, von unlegierten baustähle bis hin zu hochlegierten Spezialstählen.
Es gibt über 2.500 genormte stahlsorten weltweit, die in Europa vorwiegend nach din en 10027 1 (Kurznamen) und DIN EN 10027-2 (werkstoffnummern) klassifiziert werden. Diese beiden Normteile stellen sicher, dass jeder stahl eindeutig benannt und identifizierbar ist, unabhängig vom hersteller oder Lieferland.
Grundsätzlich gilt: Stahl ist immer eine eisen-kohlenstoff-legierung mit einem kohlenstoffgehalt unter ca. 2,06 %. Liegt der Kohlenstoffanteil darüber, spricht man von Gusseisen. Stahl besteht hauptsächlich aus Eisen und bis zu 2,11 % Kohlenstoff. Stahl lässt sich nach chemischer zusammensetzung und Verwendungszweck in hauptgruppen einteilen.
Die wichtigsten Gruppen im Überblick:
Unlegierte baustähle (z. B. S235, S355)
Legierte Stähle einschließlich hochlegierter und nichtrostender Stähle (Edelstähle)
Werkzeugstähle (Kaltarbeits-, Warmarbeits-, Schnellarbeitsstähle)
Sonderstähle und Spezialstähle (Duplex, hitzebeständig, verschleißfest)
Die Wahl der passenden stahlart hängt dabei von drei Faktoren ab: der chemischen zusammensetzung, dem Herstellverfahren (z. B. Wärmebehandlung, Walzzustand) und dem konkreten einsatz, ob Tragfähigkeit, Korrosionsbeständigkeit oder schweißeignung im Vordergrund stehen.

Stahl ist eine legierung aus eisen und kohlenstoff mit einem C-Gehalt unter ca. 2,06 % nach den europäischen normen (EN 10020). Liegt der kohlenstoffanteil über dieser Grenze oder dominieren Eisencarbidphasen, handelt es sich um Gusseisen. Der kohlenstoffgehalt beeinflusst die härte und Plastizität von Stahl maßgeblich.
Typische legierungselemente und ihre Wirkung:
Kohlenstoff (C): steigert härte und Zugfestigkeit, senkt aber Schweißbarkeit und zähigkeit bei hohen Gehalten
Mangan (Mn): erhöht Festigkeit, wirkt als Austenitstabilisator, verbessert zähigkeit
Silizium (Si): dient als Entoxidationsmittel, steigert Festigkeit
Chrom (Cr): zentral für Korrosionsbeständigkeit, bildet die schützende Passivschicht
Nickel (Ni): stabilisiert Austenit, verbessert zähigkeit bei tiefen temperaturen
Molybdän (Mo): steigert Warmfestigkeit und Beständigkeit gegen Loch- und Spaltkorrosion
Vanadium (V), Niob (Nb), Titan (Ti): Feinkornbildung, Erhöhung von härte und Verschleißresistenz
Stickstoff (N): trägt zu Festigkeit und Korrosionsresistenz bei, stabilisiert Austenit
Kupfer (Cu): Korrosionsschutz, besonders in atmosphärisch beanspruchten Stählen
Die chemische zusammensetzung bestimmt die eigenschaften von Stahl, von der Härtbarkeit über die Schweißbarkeit bis hin zum Verhalten in korrosiven medien. normen wie EN 10020 und EN 10083 legen für jede Stahlsorte exakte Grenzbereiche der legierungselemente fest und machen sorten dadurch eindeutig vergleichbar.
In Europa sind die normen en 10027 1 (kurznamen) und DIN EN 10027-2 (werkstoffnummern) maßgeblich für die werkstoffbezeichnung von Stahl.
EN 10027-1 regelt die kurznamen: Buchstaben-Zahlen-Kombinationen wie S355J2 oder X5CrNi18-10, bei denen der erste Buchstabe oft den Verwendungszweck angibt (S = Baustahl, P = Druckbehälter, E = Maschinenbau, X = hochlegierter Stahl).
EN 10027-2 vergibt eindeutige werkstoffnummern im Format 1.xxxx, wobei die „1″ für Stahl steht. Die folgenden Ziffern ordnen den Werkstoff in Sortenklassen und Zählnummern ein.
Frühere nationale Systeme wie alte DIN-bezeichnung (z. B. St 52-3) wurden weitgehend durch die europäischen EN-bezeichnung ersetzt, tauchen aber noch in Vergleichstabellen auf.
Die Europäische Stahlregistratur verwaltet die Vergabe neuer werkstoffnummern und Sortennamen und stellt die Vergleichbarkeit im zusammenhang mit den din en normen sicher.
Nach EN 10020 werden Stähle zunächst anhand ihrer chemischen zusammensetzung in drei hauptgruppen eingeteilt:
Unlegierte Stähle: legierungselemente nur in geringen Restgehalten. Unlegierte Stähle enthalten weniger als 5 % legierungselemente. Typischer einsatz: Bau- und Maschinenbau.
Niedriglegierte Stähle: bewusst zugesetzte legierungselemente, jedoch unterhalb definierter Grenzen. Einsatz z. B. als Vergütungsstähle.
Hochlegierte Stähle: Hochlegierte Stähle haben einen Legierungsanteil von über 5 %. Dazu zählen nichtrostende Stähle (Edelstähle) mit mindestens 10,5 % chrom. Einsatz in Korrosionsschutz, Medizintechnik, Lebensmittelindustrie.
Im Kurznamen erkennt man die Klasse durch Präfixe: „S“ für Baustahl (z. B. S355), „X“ für hochlegierten Stahl (z. B. X5CrNi18-10). Die chemische zusammensetzung ist so direkt in der kennzeichnung ablesbar.
Unlegierte Stähle enthalten nur geringe Reste von legierungselemente unterhalb definierter Grenzwerte aus EN 10020. Der entscheidende Parameter ist der kohlenstoffgehalt, der die mechanischen eigenschaften maßgeblich steuert.
Unterscheidung nach kohlenstoffanteil:
Niedrigkohlenstoffhaltig (< ca. 0,25 % C): gute Schweißbarkeit und Verformbarkeit, z. B. S235JR (1.0038)
Mittelkohlenstoffhaltig (0,25, 0,55 % C): mittelgekohlter Stahl bietet ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Festigkeit und Bearbeitbarkeit, z. B. C45E (1.0503)
Hochkohlenstoffhaltig (> 0,55 % C): hohe härte, aber reduzierte zähigkeit und Schweißbarkeit, z. B. Federstähle
Konkrete Beispiele und anwendung:
S235JR (1.0038): einfache Tragkonstruktionen, Rahmen, Verbindungselemente im stahlbau
S355J2 (1.0577): hochfester Baustahl für Brücken und Bauwerke mit erhöhten Anforderungen
C45E (1.0503): Vergütungsstahl für Wellen, Zahnräder im Maschinenbau
Baustahl ist der am häufigsten verwendete Stahl, der kostengünstig und gut schweißbar ist. Unlegierte Kohlenstoffstähle bieten ein starkes Preis-Festigkeits-Verhältnis bei großer Verfügbarkeit, allerdings mit begrenzter Korrosionsbeständigkeit.
Legierte Stähle enthalten bewusst zugesetzte legierungselemente über den Restgehalt hinaus. Legierte Stähle enthalten zusätzliche Elemente wie chrom oder Nickel, um gezielte eigenschaften zu erzielen. Der kennbuchstaben „X“ im Kurznamen kennzeichnet hochlegierten Stahl.
Hochlegierte Stähle werden in din en 10020 als „nichtrostende Stähle“ geführt, wenn sie mindestens 10,5 % chrom und höchstens 1,2 % C enthalten. Diese bilden eine schützende Chromoxid-Passivschicht, die Korrosion verhindert.
Typische Beispiele:
42CrMo4 (1.7225): Vergütungsstahl für Achsen, Getriebe, hochbelastete teile
1.4301 / X5CrNi18-10: austenitischer Edelstahl (V2A), Behälter, Gastronomie
1.4571 / X6CrNiMoTi17-12-2: mit molybdän und Titan stabilisiert (V4A), höhere Chloridbeständigkeit
Die eigenschaften legierter Stähle, erhöhte Festigkeit, Warmfestigkeit, Korrosionsbeständigkeit, ergeben sich aus der kombination von zusammensetzung und Wärmebehandlung (Vergüten, Normalisieren, Anlassen). Letztere machen diese werkstoffe teurer und teilweise schwieriger in der verarbeitung.
Werkzeugstähle sind hochspezialisierte stahllegierungen, optimiert für Schneiden, Umformen und den werkzeugbau. Werkzeugstahl zeichnet sich durch hohe härte und Verschleißfestigkeit aus und hat typischerweise einen hohen kohlenstoffgehalt. Werkzeugstahl wird für die Herstellung von Schneidwerkzeugen sowie für Schneid- und Umformwerkzeuge verwendet.
Drei Untergruppen im Überblick:
Kaltarbeitsstähle: kaltarbeitsstahl sollte bis maximal 200 °C eingesetzt werden. Geeignet für Stanz- und Presswerkzeuge. Beispiel: 1.2842 (kaltarbeitsstahl). kaltarbeitsstähle bieten hohe Verschleißbeständigkeit bei Raumtemperatur.
Warmarbeitsstähle: Warmarbeitsstahl kann bei temperaturen bis 400 °C eingesetzt werden. Typisch für Warmwalzwerkzeuge und Druckgussformen. Beispiele: 1.2343, 1.2344.
Schnellarbeitsstähle (HSS): Schnellarbeitsstähle können temperaturen bis 600 °C standhalten und sind für hohe temperaturen bis 600 °C geeignet. Schnellarbeitsstähle werden mit HS und Zahlen bezeichnet, z. B. HS6-5-2C (1.3343). Sie enthalten hohe Anteile an Wolfram, molybdän, vanadium und teilweise kobalt zur Erhöhung der Rotfestigkeit.
Werkzeugstähle sind oft legiert mit chrom, molybdän, vanadium, Wolfram und kobalt. Die hohe härte und Anlassbeständigkeit geht in der Regel zulasten der zähigkeit.

Sonderstähle sind werkstoffe mit speziell abgestimmten legierung und gefüge für extreme Einsatzbedingungen, die über Standardsorten hinausgehen.
Wichtige Vertreter:
Duplex-Stähle (z. B. 1.4462): gemischtes Austenit-/Ferrit-gefüge, hohe Festigkeit und hervorragende Beständigkeit gegen Spannungsrisskorrosion in chloridhaltigen medien
Hitzebeständige Stähle (z. B. 1.4828): hitzebeständige Stähle behalten ihre mechanische Festigkeit bei hohen temperaturen, bieten Zunder- und Oxidationsschutz
Verschleißfeste Stähle (z. B. XAR 400, 1.8734): martensitisches oder stark gehärtetes gefüge für extreme Abrasions- und Erosionsbeständigkeit
Kaltzähe Stähle: kaltzähe Stähle sind besonders zäh bei extrem niedrigen temperaturen und kommen z. B. im Tieftemperaturanlagenbau zum einsatz
Die chemische zusammensetzung und Mikrostruktur, beispielsweise das Ferrit/Austenit-Verhältnis bei Duplex, sind entscheidend für Performance und Einsatzgrenzen dieser sorten.
Neben der chemischen zusammensetzung lassen sich stahlsorten auch nach ihrem Verwendungszweck ordnen. Die folgenden anwendungsgebiete zeigen, welche stahlart für welchen einsatz relevant ist:
Baustähle: S235, S355 nach DIN EN 10025, hohe zähigkeit, gute Schweißbarkeit. Baustahl wird häufig im Maschinenbau eingesetzt.
Maschinenbaustähle: C45E, 42CrMo4 nach EN 10083, Festigkeit und Wiederholbarkeit
Druckbehälterstähle: P355GH, 16Mo3 nach DIN EN 10028, Hitze- und Druckfestigkeit
Rohrstähle: L245, L485, Korrosionsschutz und Druckbeständigkeit in Rohrleitungen
Schienenstähle: hohe Verschleißfestigkeit und Ermüdungsbeständigkeit
Betonstähle: Betonstahl verstärkt Stahlbetonbauteile gegen Zugkräfte
Federstähle: hohe elastische Verformbarkeit bei hoher Festigkeit
Wälzlagerstähle: extreme Oberflächenhärte und Dauerfestigkeit
Werkzeugstähle: hohe härte für Schneid- und Umformwerkzeuge
normen definieren für jede Gruppe mechanische Kennwerte wie streckgrenze, Zugfestigkeit und Kerbschlagarbeit sowie die chemische zusammensetzung.
baustähle sind mengenmäßig die am häufigsten eingesetzten stahlsorten in Europa. Baustähle haben eine Mindestzugfestigkeit von etwa 400 MPa und bieten damit eine solide Basis für Tragwerke aller Art.
Typische Güten nach DIN EN 10025-2:
S235JR (1.0038): Standardbaustahl, streckgrenze ≥ 235 MPa
S275JR (1.0044): mittlere Festigkeitsklasse
S355J2 (1.0577): hochfester Baustahl, streckgrenze ≥ 355 MPa
feinkornbaustähle (z. B. S355NL, S460ML nach DIN EN 10025-3/-4) besitzen eine feine Kornstruktur durch thermomechanisches Walzen oder Normalisieren. Das feine Korn bringt höhere Streckgrenzen und bessere schweißeignung bei gleichzeitig verbesserter Kerbschlagarbeit, selbst bei tiefen temperaturen von −20 °C oder −50 °C.
Typische anwendung im stahlbau:
Stahlhallen und Rahmentragwerke
Brücken und Krananlagen
Offshore-Konstruktionen
Hochbauten mit erhöhten Sicherheitsanforderungen
Nichtrostende Stähle sind nach EN 10020 definiert durch mindestens 10,5 % chrom und maximal 1,2 % C. Die Chromoxid-Passivschicht schützt die Oberfläche vor Korrosion. Edelstahl findet anwendung in der Lebensmittelindustrie, Medizintechnik und vielen weiteren Bereichen.
Gängige Familien nichtrostender Stähle:
Austenitisch: z. B. 1.4301 (X5CrNi18-10), 1.4404 (X2CrNiMo17-12-2), gut verformbar, nicht magnetisch
Ferritisch: z. B. 1.4016, kostengünstiger, magnetisch, begrenzte Korrosionsbeständigkeit
Martensitisch: z. B. 1.4021, härtbar, für Messer und Ventile
Duplex: z. B. 1.4462, hohe Festigkeit und Korrosionsbeständigkeit
Die Begriffe V2A und V4A stammen aus der Versuchsreihe von Krupp Anfang des 20. Jahrhunderts. V2A bezeichnet heute Stähle wie 1.4301 oder 1.4307 (ohne molybdän), V4A Stähle wie 1.4571 oder 1.4404 (mit molybdän für erhöhte Chloridbeständigkeit).
Typische anwendung: Lebensmittel- und Pharmaindustrie, Chemieanlagen, architektonische Fassaden und Geländer. Die oberflächenqualität sowie Umgebungseinflüsse wie Chloride und Temperatur beeinflussen die Korrosionsbeständigkeit erheblich.

Die folgende Tabelle zeigt gängige stahlsorten mit ihren kurznamen, werkstoffnummern, Hauptlegierungselementen und typischen anwendungsgebiete. In der Praxis dienen solche Tabellen als Schnellauswahl-Tool bei der bestellung und Werkstoffauswahl. Die chemische zusammensetzung lässt sich oft direkt aus der bezeichnung ablesen: Bei „X5CrNi18-10″ steht „X“ für hochlegiert, „5″ entspricht ca. 0,05 % C, und „18-10″ bedeutet etwa 18 % chrom und 10 % Nickel.
|
Kurzname |
Werkstoffnr. |
Hauptlegierungselemente |
Typische anwendung |
|---|---|---|---|
|
S235JR |
1.0038 |
C ≤ 0,17 %, Mn ≤ 1,40 % |
Einfache Tragkonstruktionen, stahlbau |
|
S355J2 |
1.0577 |
C ≤ 0,20 %, Mn ≤ 1,60 % |
Hochfester Baustahl, Brücken |
|
C45E |
1.0503 |
C ≈ 0,42, 0,50 %, Mn ≈ 0,50, 0,80 % |
Wellen, Zahnräder |
|
42CrMo4 |
1.7225 |
C ≈ 0,38, 0,45 %, Cr ≈ 0,90, 1,20 %, Mo ≈ 0,15, 0,30 % |
Achsen, Getriebe, vergütete teile |
|
16Mo3 |
1.5415 |
C ≈ 0,12, 0,20 %, Mo legiert |
Druckbehälter bei erhöhten temperaturen |
|
X5CrNi18-10 |
1.4301 |
Cr ≈ 17, 19 %, Ni ≈ 9, 11 % |
V2A, Behälter, Gastronomie |
|
X6CrNiMoTi17-12-2 |
1.4571 |
Cr ≈ 17, 18 %, Ni ≈ 11, 13 %, Mo ≈ 2 %, Ti |
V4A, Chemieanlagen |
|
, |
1.2344 |
Hoher Cr- und Mo-Gehalt |
Warmarbeitsstahl, werkzeugbau |
|
HS6-5-2C |
1.3343 |
W, Mo, Cr, C 1, 2 % |
Schnellarbeitsstahl, Bohrer |
Die Norm din en 10027 1 regelt die kurznamen für Stähle und unterteilt sie in zwei Hauptgruppen:
Gruppe 1: Bezeichnung nach mechanischen und physikalischen eigenschaften (z. B. S355J2, P355GH)
Gruppe 2: Bezeichnung nach chemischer zusammensetzung (z. B. C45E, X5CrNi18-10)
kurznamen bestehen immer aus definierten Buchstaben- und Zahlenkombinationen. Die kennbuchstaben vor der Zahl geben den Verwendungszweck oder die Werkstoffart an, Buchstaben und Zahlen nach dem Hauptwert liefern Zusatzinformationen wie Kerbschlagarbeit oder Zustandsbezeichnungen.
Die folgenden Unterabschnitte erläutern beide Hauptgruppen anhand konkreter Beispiele.
In dieser Gruppe steht der mechanische Kennwert im Vordergrund, in der Regel die streckgrenze in MPa. Die wichtigsten kennbuchstaben und ihre Bedeutung:
S: Baustahl (z. B. S235, S355)
P: Druckbehälterstahl (z. B. P355GH)
E: Maschinenbaustahl (z. B. E335)
B: Betonstahl
L: Rohrleitungsstahl
R: Schienenstahl
Zusatzsymbole für Kerbschlagarbeit:
JR: geprüft bei +20 °C (mind. 27 J)
J0: geprüft bei 0 °C
J2: geprüft bei −20 °C
Zustandskennzeichen:
+N: normalisiert
+M / +ML: thermomechanisch gewalzt
+QT: vergütet
Beispiel: S355J2 bedeutet Baustahl mit streckgrenze ≥ 355 MPa und nachgewiesener Kerbschlagarbeit bei −20 °C.
In der zweiten Hauptgruppe steht die chemische zusammensetzung im Vordergrund der werkstoffbezeichnung:
C-Stähle: Die Zahl gibt den C-Gehalt in 1/100 % an. C45E bedeutet ca. 0,45 % kohlenstoff. Einsatzstahl ist ein kohlenstoffarmer Stahl, der durch Oberflächenaufkohlen gehärtet wird, solche Stähle tragen z. B. die bezeichnung 16MnCr5.
Niedriglegierte Stähle: Hauptlegierungselemente in Kurzform, Zahlen für deren Gehalt. 42CrMo4 steht für ca. 0,42 % C mit chrom- und molybdän-legierung.
Hochlegierte Stähle: Der Buchstabe „X“ kennzeichnet hochlegierten Stahl. Bei X5CrNi18-10 bedeutet die „5″ ca. 0,05 % C, „18″ und „10″ stehen für ~18 % chrom und ~10 % Nickel. Die bezeichnung X10CrNi18-8 ist beispielsweise für austenitischen Edelstahl.
Weitere Beispiele: X2CrNiMo17-12-2 (nichtrostender Stahl mit molybdän), 34CrNiMo6 (Vergütungsstahl). Durch die chemische zusammensetzung sind direkte Rückschlüsse auf Korrosionsbeständigkeit, Härtbarkeit und Warmfestigkeit möglich.
Die werkstoffnummern nach DIN EN 10027-2 sind 5-7-stellig und folgen dem Format 1.xxxx:
Erste Stelle (1): Werkstoffhauptgruppe Stahl (andere Ziffern stehen für andere materials wie Aluminium oder Kupfer)
Folgende Ziffern: Sortenklasse (z. B. 00, 09 für unlegierte Grundstähle, 40, 45 für nichtrostende Stähle) und Zählnummer
Konkrete Beispiele:
1.0038: S235JR (unlegierter Baustahl)
1.0577: S355J2 (hochfester Baustahl)
1.4301: X5CrNi18-10 (austenitischer Edelstahl)
1.4571: X6CrNiMoTi17-12-2 (molybdänhaltiger Edelstahl)
1.7225: 42CrMo4 (Vergütungsstahl)
kurznamen und werkstoffnummern existieren parallel und ergänzen sich gegenseitig. In technischen Zeichnungen und bei der bestellung werden häufig beide angaben gemacht, um Verwechslungen mit alten oder internationalen Bezeichnungen auszuschließen.
Die Europäische Stahlregistratur vergibt werkstoffnummern und kurznamen nach DIN EN 10027-2 und sorgt für eine einheitliche Systematik im europäischen Markt:
Nur Stähle mit kommerzieller Bedeutung und ausreichender Dokumentation werden aufgenommen.
Ein stahlhersteller beantragt eine neue Sorte mit daten zu chemischen Grenzen und mechanischen eigenschaften.
Nach Prüfung werden Kurzname und Werkstoffnummer offiziell vergeben und in die Stahl-Eisen-Liste aufgenommen.
Das Verfahren sichert Transparenz, Vergleichbarkeit und Vernetzung zwischen Kunden und Lieferwerken in der welt der europäischen Stahlindustrie.
Anmerkung: Ohne diese zentrale Registrierung wäre eine verlässliche bestellung über Ländergrenzen hinweg kaum möglich.
Die chemische zusammensetzung bestimmt die eigenschaften von stahl. Im folgenden die wichtigsten legierungselemente und ihre Wirkung:
C: Härtbarkeit und Festigkeit steigen, Schweißbarkeit sinkt
mangan (Mn): Festigkeit und zähigkeit steigen, Entschwefelung
silizium (Si): Festigkeit steigt, Entoxidation
chrom (Cr): Korrosionsschutz und Härtbarkeit
Nickel (Ni): zähigkeit bei tiefen temperaturen, Austenitstabilisierung
molybdän (Mo): Warmfestigkeit und Widerstand gegen Lochkorrosion
vanadium (V), Nb, Ti: Feinkornbildung, härte
Praxisvergleich C45 vs. 42CrMo4: C45E ist ein unlegierter Stahl mit ca. 0,45 % C, gute Härtbarkeit, moderate Festigkeit. 42CrMo4 enthält zusätzlich chrom und molybdän, bietet bessere Warmfestigkeit und höhere härte, ist aber schwieriger zu schweißen und teurer.
Praxisvergleich 1.4301 vs. 1.4571: 1.4301 (V2A) ohne molybdän hat gute Grundkorrosionsbeständigkeit. 1.4571 (V4A) mit molybdän und Titan bietet höhere Beständigkeit gegen Chloride, erfordert aber höhere Legierungskosten.
Überhöhte Legierungsgehalte können auch Nachteile bringen: Ein steigendes Kohlenstoffäquivalent erschwert die schweißeignung und erhöht das Risiko von Sprödbruch.
Neben der chemischen zusammensetzung definiert auch das Herstell- und Verarbeitungsverfahren eine Stahlsorte im praktischen Sinn. Wärmebehandlung verändert die Werkstoffeigenschaften von Stahl grundlegend.
Typische Zustände und Normbeispiele:
Warmgewalzt (+AR = as rolled): z. B. Breitflachstahl nach EN 10058
Kaltgewalzt: z. B. Kaltband nach EN 10130, höhere Maßgenauigkeit und oberflächenqualität
Normalisiert (+N): gleichmäßiges gefüge, z. B. feinkornbaustähle nach EN 10025-3
Vergütet (+QT = quenched and tempered): höhere Festigkeit, z. B. Stähle nach EN 10083
Thermomechanisch gewalzt (+M / +ML): verbesserte zähigkeit bei tiefen temperaturen
Für Konstrukteure gilt: Immer chemische zusammensetzung und Lieferzustand zusammen betrachten, denn beide bestimmen gemeinsam Festigkeit, zähigkeit und Dimensionsgenauigkeit. Die möglichkeiten der verarbeitung hängen ebenso vom Lieferzustand ab.
Die wichtigsten mechanischen Kennwerte, die stahlsorten definieren:
Re / Rp0,2 (streckgrenze): Beginn plastischer Verformung, z. B. 355 MPa bei S355
Rm (Zugfestigkeit): maximale Belastbarkeit vor Bruch
A (Bruchdehnung): Maß für Verformbarkeit
KV (Kerbschlagarbeit): Widerstand gegen Schlagbeanspruchung, oft geprüft bei −20 °C (J2-sorten)
härte: HB (Brinell), HV (Vickers), HRC (Rockwell C), besonders relevant bei Werkzeugstählen
Viele stahlsorten tragen ihre mechanischen Kennwerte bereits im Namen: S355J2 bedeutet streckgrenze ≥ 355 MPa mit definierter Kerbschlagarbeit bei −20 °C. Die daten sind normativ festgelegt und gelten für definierte Prüfzustände (+AR, +N, +QT).
Die folgende Liste gibt auskunft darüber, welche stahlsorten für welche Einsatzfelder typisch sind und welche eigenschaft jeweils entscheidend ist:
stahlbau (S235, S355): zähigkeit bei tiefen temperaturen, schweißeignung
Maschinenbau (C45E, 42CrMo4): Festigkeit, Verschleißwiderstand, Maßhaltigkeit
Druckbehälter (P265GH, 16Mo3): Warmfestigkeit, Druckbeständigkeit nach Druckgeräterichtlinie
Rohrleitungen (L245, L485): Korrosionsbeständigkeit, Druckfestigkeit
werkzeugbau (1.2379, 1.2344, 1.3343): hohe härte, Verschleißwiderstand
Edelstahlkonstruktionen (1.4301, 1.4571): Korrosionsbeständigkeit, ästhetischer Anspruch
automobilindustrie: Kombination aus Leichtbau und hoher Festigkeit, zunehmend höherfeste Mehrphasenstähle
Sicherheitsnormen, Betriebsbedingungen (Medium, Temperatur, Belastungsdauer) und die jeweils geltende technologie bestimmen die endgültige Stahlauswahl. Die qualität der Werkstoffauswahl entscheidet dabei über Sicherheit und Wirtschaftlichkeit.

Die härte von Stahl hängt stark von kohlenstoffgehalt, legierung und Wärmebehandlung ab, insbesondere von der Martensitbildung beim Abschrecken.
Besonders harte stahlsorten:
Schnellarbeitsstähle (z. B. 1.3343, 1.3243): erreichen härte bis ca. 65 HRC, optimiert für Schneidwerkzeuge und Bohrer
Kaltarbeitsstähle (z. B. 1.2379): hohe Verschleißfestigkeit für Stanzwerkzeuge und form
Martensitische Edelstähle (z. B. 1.4122): härtbar und korrosionsbeständig
Verschleißfeste Stähle (z. B. XAR 400): martensitisches gefüge für Bergbau und Recycling
Einsatzbereiche umfassen Formenbau, Schneidwerkzeuge und hochbelastete Verschleißteile. Hohe härte geht jedoch oft zulasten der zähigkeit, nicht jede Konstruktion profitiert von maximaler härte. Eine etwas niedrigere härte kann für viele teile die bessere Wahl sein, wenn Bruchsicherheit gefordert ist.
Die folgenden Begriffe helfen bei der Einordnung von stahlsorten und ihren eigenschaften. Die inhalte sind praxisnah erklärt und verweisen auf typische werkstoffe.
Anlassen: Wärmebehandlung nach dem Härten. Anlassen reduziert innere Spannungen nach dem Härten und verbessert die zähigkeit.
Aushärten: Aushärten erhöht die Festigkeit von kohlenstoffarmen Stählen durch gezielte Ausscheidungsbildung.
Austenit: Stabile fcc-Kristallphase, typisch für austenitische Edelstähle wie 1.4301 bei Raumtemperatur.
Durchhärten: Durchhärten erhöht die mechanische Widerstandsfähigkeit von Stahl über den gesamten Querschnitt, z. B. bei werkzeugstahl 1.2379.
Einsatzhärten: Randschichthärtung durch Aufkohlen und Abschrecken, typisch für Einsatzstähle wie 16MnCr5.
Ferrit: Kubisch-raumzentrierte Phase (bcc), weich und magnetisch, Grundgefüge vieler unlegierter Stähle.
Glühen: Glühen verbessert die plastischen eigenschaften von Stahl durch Abbau von Verformungsverfestigungen.
Härtbarkeit: Fähigkeit eines Stahls, martensitisch auszuhärten, abhängig von C-Gehalt und legierungselemente.
Kohlenstoffäquivalent (CEV): Berechnungswert zur Abschätzung der Schweißbarkeit und Rissneigung. Steigt mit legierungselemente.
Martensit: Metastabile, verzerrte Phase aus dem Abschreckvorgang, verantwortlich für hohe härte in Werkzeugstählen und gehärteten Stählen.
Normalglühen: Gefügeumwandlung durch Austenitisieren und Abkühlen an Luft, erzeugt gleichmäßiges Feinkorn.
Stahlmarke: Herstellerspezifische bezeichnung einer Stahlsorte, die über die stahlmarke hinaus normativ definiert sein kann.
Vergüten: kombination aus Härten und Anlassen zur Erzielung hoher Festigkeit bei ausreichender zähigkeit, z. B. bei 42CrMo4.
Eine strukturierte Vorgehensweise bei der Werkstoffauswahl vermeidet kostspielige Fehlentscheidungen:
Einsatzbedingungen klären: Medium, Temperatur, mechanische Belastung, Korrosionsanforderungen
normen und Regelwerke prüfen: Welche din en Vorschriften gelten für die Konstruktion?
Erforderliche eigenschaften definieren: streckgrenze, zähigkeit, Korrosionsbeständigkeit, schweißeignung
Geeignete Normstähle selektieren: Über kurznamen und werkstoffnummern konkrete sorten eingrenzen
Sowohl chemische zusammensetzung als auch mechanische Kennwerte und Lieferzustand prüfen
Häufige Fehler in der Praxis:
Überdimensionierung mit unnötig teuren Edelstählen, obwohl ein Baustahl ausreichen würde
Unterschätzung des Kohlenstoffäquivalents bei hochfesten legierten Stählen, Schweißrisiken werden übersehen
Vernachlässigung des Lieferzustands: Ein vergüteter Stahl hat völlig andere eigenschaften als derselbe Stahl im normalisierten Zustand
Keine Berücksichtigung der ergebnissen aus Kerbschlagversuchen bei Tieftemperaturanwendungen
Diese beiträge zur systematischen Werkstoffauswahl zahlen sich bei jeder bestellung aus.
Was ist der Unterschied zwischen S235JR und S355J2? S235JR hat eine streckgrenze von mindestens 235 MPa mit Kerbschlagprüfung bei +20 °C (JR). S355J2 bietet mindestens 355 MPa streckgrenze und ist bei −20 °C kerbschlaggeprüft (J2). S355J2 eignet sich daher besser für höher belastete Tragwerke und tiefere Einsatztemperaturen.
Was bedeutet das X in X5CrNi18-10? Das „X“ kennzeichnet einen hochlegierten Stahl. Die Zahl 5 gibt den C-Gehalt in 1/100 % an (ca. 0,05 %), „CrNi“ benennt die Hauptlegierungselemente chrom und Nickel, und „18-10″ steht für ca. 18 % Cr und 10 % Ni.
Wozu brauche ich die Werkstoffnummer 1.4301, wenn ich den Kurznamen kenne? werkstoffnummern sind international eindeutig und vermeiden Verwechslungen durch unterschiedliche nationale Bezeichnungssysteme. In technischen Zeichnungen und bei der bestellung werden daher oft Kurzname und Werkstoffnummer parallel angegeben.
Wie erkenne ich, ob ein Stahl schweißgeeignet ist? Ein niedriger kohlenstoffgehalt und ein geringes Kohlenstoffäquivalent (CEV) sprechen für gute schweißeignung. Stähle mit CEV unter ca. 0,45 gelten in der Regel als gut schweißbar. Bei hochfesten oder hochlegierten Stählen empfiehlt sich immer die Prüfung der Herstellerangaben und die Beachtung von Vorwärmtemperaturen.
Was regelt DIN EN 10027-1 genau? Die Norm din en 10027 1 legt die Systematik der kurznamen für Stähle fest, sowohl nach mechanischen eigenschaften (z. B. S355) als auch nach chemischer zusammensetzung (z. B. C45E, X5CrNi18-10). Sie definiert die kennbuchstaben, Zahlenwerte und Zusatzsymbole und sorgt so für eine einheitliche werkstoffbezeichnung in ganz Europa.
Was ist ein Einsatzstahl? Ein Einsatzstahl ist ein kohlenstoffarmer Stahl (z. B. 16MnCr5), der durch Oberflächenaufkohlen und anschließendes Härten eine harte Randschicht erhält, während der Kern zäh bleibt. Typische anwendung: Zahnräder und Wellen im Getriebebau.
Welche Stahlsorte ist am härtesten? Schnellarbeitsstähle wie 1.3343 erreichen bis zu ca. 65 HRC. Die extreme härte wird durch legierung mit Wolfram, molybdän, vanadium und kobalt sowie gezielte Wärmebehandlung erzielt. Solche sorten kommen im werkzeugbau zum einsatz, wo höchste Schneidleistung gefordert ist.
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